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JOHANNES XXIII. im Zeugnis seines Nachfolgers PAUL VI.

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Portrait de Paul VI

(Fortsetzung von der 3. Teilveröffentlichung)

Während der Krankheit Johannes’ XXIII.

 

Brief aus Rom vom 31. Mai 1963

Ich machte die Flugreise zusammen mit den drei Brü­dern und der Schwester des Heiligen Vaters, einfachen und achtenswerten Menschen, die an das Sterbebett ihres päpstlichen Bruders gerufen worden waren.

Wir kamen etwas nach 8 Uhr abends in Rom an und eilten sofort in den Vatikan, wo die kleine Gesellschaft ­und ich mit ihr — gleich in das Zimmer des hohen Kranken eingelassen wurde. Wir fanden dort Monsi­gnore Capovilla, die Ordensschwestern und einen Priester, einen Neffen des Heiligen Vaters, vor. Der Papst, mit geschlossenen Augen und geöffneten Lippen müde auf die Kissen hingelagert, war bereits bewußtlos, atmete aber regelmäßig. Ich betete an seinem Lager und wagte dann, die regungslose Hand zu küssen.

Es traten hierauf noch mehrere Kardinäle ein: Traglia, Marella, Pizzardo, Antoniutti, Cicognani. Ich selbst führte Kardinal Testa, der von Rührung übermannt war, herein. Als ich dann das Krankenzimmer, über dem schweres und andächtiges Schweigen lag, verließ, bot sich meinen Augen noch ein ergreifendes Bild: die drei Brüder und die Schwester des Papstes saßen regungslos und schweigend um das Lager ihres großen Bruders, gesenkten Hauptes, ganz versunken in den Anblick des Kranken, fast als ob sie seine Atemzüge zählen wollten, während die heimatlichen Erinnerungen in ihnen auf­stiegen; eine ruhige menschliche Ergebenheit ging von ihnen aus, eine überzeugende Frömmigkeit, die ange­sichts des herannahenden Todes ihren sicheren Glauben bewahrte und ihn als feierliches und friedvolles Ereignis erwartete.

Knapp außerhalb des Krankenzimmers, das schon den letzten Atemzug von Pius XI. aufgenommen hatte und nun auch jenen von Johannes XXIII. aufnehmen würde, verharren Kardinäle, Prälaten und Ärzte im Banne des großen Geschehens und tauschen erbauliche Episoden und Worte des sterbenden Papstes aus; bis gegen 6 Uhr abends war er bei vollem Bewußtsein und im Gebrauch der Sprache gewesen, über seinen Zustand im klaren und gefaßt dem großen Übergang entgegen­sehend. Für jeden hatte er ein gutes Wort gehabt, ein besonderes Gedenken noch für Rom, als dessen Bischof er sich fühlte, für das Konzil, für den Frieden der Welt.

Unter Tränen und Gebet wartet man in einer unge­heuren Spannung des Geistes und doch mit einem unsag­bar bewegenden Gefühl von Schönheit und Sieg im Herzen. Welch ein lichtvoller Abschluß des irdischen Lebens, welche Vorahnung des himmlischen!

 

Der Gedanke an den sterbenden Papst

Ansprache anläßlich der Nachtwache der Mailänder katholischen Jugend
am 1. Juni 1963

Meine lieben jungen Freunde und Männer, die ihr diese Stunde des Gebetes und der Besinnung mitfeiert! Seid willkommen zu dieser alljährlichen begeisternden Zu­sammenkunft! Diese Stunde der nächtlichen Wache, diese Stunde der Lieder und des geheimnisvollen Schwei­gens mögen eure Herzen dem einen Gedanken öffnen, der — wie mir scheint — jetzt allein dazu führen kann, ergreifende Bilder der Güte, frohe und ermutigende Er­innerungen, Ausblicke in unendlich lichte, weite Hori­zonte heraufzubeschwören: dem Gedanken an den sterbenden Papst.

Während wir uns hier dem innigen Gefühl der Freude und des Lebens hingeben, das diese wunderbare Zu­sammenkunft in unseren Herzen weckt, geht sein irdischer Lebensweg leidvoll und ergeben zu Ende. Es ist unser aller Vater in Christus, der uns verläßt, es ist das Haupt unserer katholischen Kirche, das sich beugt unter der Last der Jahre und dem Angriff menschlicher Krank­heit, es ist unser geliebter, gütiger Papst Johannes XXIII., der uns als Waisen zurückläßt.

Der Gedanke an den Heiligen Vater gehört auch zum Gedankenkreis des wunderbaren Festes, auf dessen strahlenden Morgen uns diese Nachtwache vorbereitet: das Pfingstfest stellt uns ja Petrus vor Augen, wie er, über seine eigene menschliche Schwäche erhoben, das Amt des Hauptes der jungen Kirche übernimmt, mit prophetischem Charisma als erster und befugtester Kün­der der christlichen Botschaft auftritt, ein unentwegter und unerschütterlicher Zeuge des Lebens und der Auf­erstehung Jesu Christi und seiner durch nichts mehr auf­zuhaltenden Sendung zum Heile der Welt.

Petrus und sein Nachfolger sind eins in ihrer Ge­schichte, eins in ihrer Gewalt, eins in der Verkörperung des auf Erden wirkenden Christus. Es ist leicht für uns, über die ununterbrochene Kette der päpstlichen Nach­folge von Petrus zu Johannes zu gelangen … Der Ge­danke an den Papst, der nun schmerzlich mit dem Tode ringt, verbindet sich mit dem Gedanken an die Kirche, die — mit ihm leidend — die Tiefe und Weite ihres eigenen Lebens begreift, an die Kirche, die durch die Kraft des Heiligen Geistes am Pfingsttage aus der Hülle ihrer ersten Gestaltung, die Jesus ihr gegeben hatte, ans Licht kam und also gleich sich zu regen, zu sprechen, zu lobpreisen, sich zu entfalten und zu verbreiten, zu er­obern begann. Es war die Geburt der einen und leben­digen Kirche, die wir sind; und jene ersten Gemein­schaften waren durchdrungen von demselben Eifer des Apostolates, von dem wir wünschen, daß er unser Ge­wissen als verantwortungsvolle und aktive Christen durchdringen möge, sie waren entflammt von jener Be­geisterung für die „Katholische Aktion”, der sich auch unsere Herzen heute noch hingeben wollen.

Wenn der Gedanke an den sterbenden Papst uns einerseits mit tiefer Trauer und inniger Anteilnahme erfüllt, so vermittelt er uns doch andererseits auch den Glauben, die Gelassenheit, die Geistesgröße, mit welcher der Heilige Vater in vollem Bewußtsein und in voller Seelenruhe den großen Übergang erwartet, die Begeg­nung mit dem Christus, dessen vorbildlicher Stell­vertreter er unter uns war; und eben diese Haltung, meine jungen Freunde, legt uns die Verpflichtung auf, sein Testament zu vollziehen, sein Vermächtnis ent­gegenzunehmen, seine letzte feierliche Botschaft, die Botschaft des Friedens.

Erinnert ihr euch und kennt ihr die große Enzyklika „Pacem in terris”, durch welche Johannes XXIII. am Feste der Liebe, am Gründonnerstag, zur Kirche und zur Welt gesprochen hat? Vielleicht ist in unseren Zeiten noch nie das Wort eines Menschen, das Wort eines Lehrers, das Wort eines Oberhauptes, das Wort eines Propheten, das Wort eines Papstes so weit und so liebe­voll für die ganze Welt erklungen!

Seht, dieses Wort des Papstes müssen wir uns in dieser Nacht vor Augen halten und zu eigen machen; dieses Wort müssen wir aufnehmen als das geliebte, eifer­süchtig gehütete und lebendige Andenken an diesen unvergleichlichen Papst. Das Wort des Friedens. Aber merken wir auf! Das Wort „Friede” ist viel zu viel gebraucht und abgenutzt und seine oberflächliche, unbe­dachte, unklare Auslegung könnte den Sinn verfälschen, den der Stellvertreter Christi ihm gibt. „Friede” ist für den Papst nicht einfach nur ein höflicher Wunsch und auch nicht nur eine genau umrissene und begründete Lehre, sondern eine Auffassung des Lebens und der Zivilisation, ein Gebot und eine Aufgabe, eine schwere und feierliche Mahnung, die man etwa so ausdrücken könnte: man ist nicht dazu da, um den Frieden zu genie­ßen, sondern um ihn aufzubauen und zu schaffen. Friede ist nicht die Frucht von Gleichgültigkeit, von Unwissen­heit, von Trägheit, von Scheinheiligkeit — Friede ist die Frucht klarer, kraftvoller Weisheit, er gründet sich ­nachdem bereits berühmt gewordenen Ausdruck des Papstes — auf die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Liebe und die Freiheit.

Wollen wir die große Botschaft des Papstes annehmen und sie zum Programm und zum Leitgedanken unseres Lebens als treue Kinder und aktive Katholiken machen?

Nun gut, er macht uns darauf aufmerksam, daß der Friede, das heißt die ideale Form des menschlichen Zu­sammenlebens, nicht von selbst entsteht, sondern ge­wollt und geschaffen werden muß; daß weiterhin der Friede nicht geschaffen werden kann ohne eine ideale Ordnung, die die sichere Realisierung eines die mensch­liche Natur und alle menschlichen Schicksale durch­dringenden Gedanken, des göttlichen Gedankens, ge­währleistet. Er sagt uns, daß wir alle die Aufgabe haben, diesen göttlichen Gedanken zu erforschen und daß das kirchliche Lehramt den Schlüssel dazu hat; und schließ­lich weist er darauf hin, daß es nicht genügt, Vorliebe und Verständnis für den Frieden zu hegen; man muß tat­kräftig und großzügig für ihn einstehen.

Als uns jenes Wort Christi verkündet wurde, als dessen Echo nun die Worte des Papstes erscheinen: „Selig sind die Friedfertigen . . .”, waren wir vielleicht im Zweifel darüber, ob diese Botschaft noch für unsere Zeiten und für unsere Mentalität gültig sei: Man hatte uns zu einer kriegerischen und heroischen Lebensauf­fassung erzogen, man hatte uns gesagt, daß das Verhält­nis der Menschen untereinander von der Gewalt be­stimmt sei, man hatte uns gelehrt, die Schwachen zu verachten und das Mitleid aus unseren Herzen zu ver­bannen, da es ein des modernen Übermenschen un­würdiges Gefühl sei; man hatte uns gepredigt, daß man das eigene Vaterland nicht wirklich lieben könne, ohne das Vaterland der anderen zu verachten und zu bedrohen. Und andere Lehrer hatten uns langsam mit einer Mystik der Revolution und des Hasses vertraut gemacht, als mit der einzigen Möglichkeit, um der Welt Gerechtig­keit zu bringen. Sie hatten den Frieden begründet auf dem Verzicht auf menschliche und geistige Werte.

Der Christ aber, der sich noch auf dem sanften und menschenfreundlichen Frieden des Evangeliums berief, wurde als Feigling verachtet und als Utopist verlacht. Erst dem Zeitalter der Atombombe, das heißt der furchtbarsten Ausblicke, die die Geschichte je geboten hat, gelang es, die Völker, Denker und Politiker wieder zurückzuführen zur Erwägung der alten Seligkeits­verheißung aus dem Evangelium, die den Frieden als eine glückbringende, schwierige und hohe Tugend preist.

Zu eben dieser Überlegung, die uns Christen leicht fallen sollte, und uns, die wir eben die letzte Botschaft dieses Lehrers von Güte und Weisheit, der Johan­nes XXIII. war, hören, Pflicht und Freude sein müßte, möchte ich Euch, ihr jungen Leute des Jahres 1963, ein­laden. Wir müssen jede falsche Vorstellung von uns schütteln! Wir müssen wissen, daß jedes Unheil von einem falschen Gedanken herrührt und jedes Gut von einem von der Wahrheit erhellten Denken kommt. Keine unzulängliche oder verfehlte Sicht der Welt kann Zivi­lisation und Frieden fördern, weder die materialistische Auffassung, daß wirtschaftlicher Wohlstand (obwohl wir ihn als notwendig ansehen müssen) genügt, um den Frieden zu sichern und noch viel weniger jene noch materialistischere Auffassung, daß aus dem Klassen­kampf und dem Geist der Empörung ein menschlicher und wahrer Friede hervorgehen könne. Wir müssen uns auch an die genau treffende Beobachtung des Papstes erinnern, mit der er den gefahrvollen Bruch bei denen, die sich Christen nennen, aufzeigt, “zwischen dem religiöser Glaube und das Handeln für das zeit­liche Wohl” liegt.

Wir müssen unser Vertrauen in die Lehre der Kirche wieder neu festigen; Gottes Vorsehung hat ihr gerade in Johannes XXIII. einen Lehrer gegeben, der uns wieder einmal — und in meisterhafter Weise — gezeigt hat, wie die echten und tiefsten menschlichen Probleme in das Wort des Evangeliums Christi einmünden und von da­her gelöst werden können. Ja, in der heutigen Nacht wer­den wir dieses Vertrauen neu bekräftigen, und das Gebot des Friedens, das Johannes XXIII. uns als sein Vermächt­nis und als seinen Ruhm hinterläßt, wird uns Licht und Kraft für diese noch stürmischen und bitteren Tage sein.

Möge sein Geist, der irdischen und zeitlichen Hülle entrückt, die demütige Huldigung seiner Kinder an­nehmen und unsere Vorsätze mit seinem liebevollen, ermutigenden Segen stärken.

 

Liebe zur Kirche und zur ganzen Welt

Ansprache im Dom zu Mailand, Pfingsten 1963

Wir haben uns hier zusammengefunden, das freuden­volle Pfingstfest zu feiern, das Fest der Kirche, der „Mutter der Heiligen” und dem „Abbild der Ewigen Stadt”, mit Trauer in unseren Herzen: der Papst, das Haupt der Kirche, liegt im Sterben. Jeder spürt, daß etwas sehr Schweres geschieht; nicht nur etwas Bedeut­sames an sich oder im Hinblick auf die Geschichte, auf das Leben der Kirche oder Welt überhaupt, sondern in bezug auf uns, die wir diesen Papst liebten, wie alle ihn lieben: wegen seiner heiteren Ruhe, seiner Einfachheit, seiner Freundlichkeit, seiner Höflichkeit, seiner Nähe zum Volke, wegen seiner Vorliebe für die Niedrigen, die Gefangenen, die Leidenden, wegen seinem Opti­mismus, seiner innigen und doch so herben Frömmig­keit, mit einem Wort: wegen seiner Güte.

Das Volk ist glücklich, wenn es bei den Großen dieser Erde dieselben Gefühle, Regungen und Worte entdeckt wie bei sich: deswegen war Papst Johannes so volks­tümlich. Das, was letzten Endes am meisten zählt, ist die Güte: deswegen war er so geliebt. Mit welcher Ver­trautheit trat er jedem entgegen! Kühle Distanz war ihm fremd. Für jeden fand er ein Wort der Anerkennung, der Ermutigung, der Hoffnung und des Friedens. Man dachte ihn sich, wie er war: unfähig, jemanden zu kränken, unfähig, sich gekränkt zu fühlen, in seiner Demut über alles erhaben. Auch die Fernerstehenden mußten ihn deshalb bewundern als einen, der gar nicht anders konnte als in allen Dingen das Gute zu sehen und in jeder Lage die Möglichkeit für eine Geste des Ver­trauens und der Höflichkeit zu finden. Er hatte — wie man sagt — ein glückliches Temperament, das die ange­borenen Tugenden der einfachen, ehrlichen und flei­ßigen Leute mit den verfeinerten, erlesenen Tugenden hoher Bildung und vollendetster Spiritualität vereinte. Die Tatsache, daß er sich diese natürlichen und geistigen Tugenden auch auf höchster Ebene als Oberhaupt der Kirche und angesichts der ganzen Welt bewahrte und sich jeder Zeit und offenkundig von ihnen leiten ließ, hat ihm, als einem echten und seltenen Menschenfreund, die allgemeine Sympathie eingetragen. Deshalb bangt und weint man heute. Man leidet, wenn man liebt.

Es wäre noch viel, eigentlich das Wichtigste, zu er­wähnen: sein Werk: durch die Einberufung des Öku­menischen Konzils und die Veröffentlichung der beiden großen Enzykliken „Mater et magistra” und „Pacem in terris” hat Johannes nicht der Kirchen- und Kultur­geschichte allein seine unverkennbare Spur eingeprägt; aber man würde indessen besser nicht von Spur, sondern von einer Ackerfurche von unabschätzbarer Fruchtbar­keit sprechen, die von ihm gezogen wurde.

Es war ein guter und großer, ein demütiger und heiliger Papst. Wir Mailänder könnten hinzufügen: ein Papst, der zu uns gehörte. Wie sehr liebte er doch unsere Stadt, wie sehr den heiligen Karl Borromäus! Seine sprichwörtliche Verehrung, seine Bewunderung für diesen unseren Heiligen hat auch in uns den Vorsatz wachsen lassen, die Studien über ihn zu fördern, die bereits etwas erkaltete Verehrung für ihn, die wir ihm doch als seine Kinder zollen sollten, neu zu beleben. Noch in seiner letzten an uns gerichteten Botschaft erklärte der Papst, daß er in Mailand „zu Hause” sei. Er wünschte, daß der Seligsprechungspozeß des Die­ners Gottes Kardinal Ferrari mit größerem Eifer betrie­ben werde; immer wieder erwähnte er die Begeben­heiten aus seinem Leben, die ihm mit jenem unver­gleichlichen Erzbischof unserer Stadt zusammenbrach­ten; er sprach gerne von unseren Archiven und von der Ambrosianischen Bibliothek, deren Geheimnisse und Schätze er erforscht und wovon er Dokumente in fünf gewichtigen Bänden veröffentlicht hatte, auf die er stolz war.Und „Unsere Frau im Walde” ? Sie war das Marien­heiligtum seiner Kindheit: er besuchte jedesmal ihr schönes ländliches Heiligtum, wenn er in sein nahes Heimatdorf zurückkehrte; als Patriarch krönte er das Gnadenbild, als Papst beschenkte er es mit reichem Schmuck. Nicht umsonst wollten die Verehrer des Heiligtums und wir mit ihnen auf den malerischen Stufen, die zum Heiligtum hinaufführen, das schöne Standbild errichten, das als Denkmal seiner väterlichen und päpstlichen Gewalt unter uns bleiben wird. Er ge­hörte zu uns: ein Grund mehr zu Wehmut und Trauer.

Man leidet — sagte ich — wenn man liebt. Aber, liebe Gläubige und Mitbrüder, die ihr sicher durch die moderne Nachrichtenübermittlung die schweren Stun­den der Krankheit des Papstes und dessen letztes furcht­bares Stadium verfolgt habt, ihr habt gewiß außer dem Gefühl des Schmerzes noch ein anderes, unbestimmtes, komplexes Gefühl in euch gespürt, das der Gläubige angesichts eines christlichen Todes haben soll: einer­seits das Gefühl, vor einem großen Geheimnis zu stehen, andererseits aber auch ein Gefühl des Vertrauens, der Erwartung, der Hingabe und fast des Jubels, des Jubels der Hoffnung und der Vorahnung der Begegnung mit Christus, mit seiner Barmherzigkeit und seiner Herr­lichkeit. Ich will hier nicht alle Einzelheiten dieser letzten schmerzlichen und gesegneten Stunden des großen und ruhigen Sterbens unseres Papstes Johan­nes XXIII. aufzählen, ihr kennt sie ja; aber ein Wort möchte ich in Erinnerung bringen, das er zu einem der Ärzte sagte, der es mir wiederum erzählte, um mir eine Ahnung von der geistigen Atmosphäre zu geben, in der sich der Heimgang dieses Gottesmannes vollzieht. Als ihm in Anbetracht der unerbittlichen Krankheit, die ihn sein Leben unter Qualen enden läßt, mitleidig gesagt wurde: „Eure Heiligkeit leiden unter den Schmer­zen”, antwortete er: „Ja, aber auch aus Liebe.”

Seine Liebe ist Gott, ist die Kirche, ist die Welt. Gewiß bleibt es für uns Menschen immer eine unver­meidliche, wenn auch heilsame Qual, einen letzten Ab­schied durch den Tod mitzuerleben; aber hier geschieht er ohne Angst, ohne Verzweiflung, mit einem inneren Trost auf dem Grunde des Herzens, den wir Christen eigentlich gut kennen sollten, und den wir mit Dankbarkeit als väterliches Geschenk, als eine lernenswerte Aufgabe vom Krankenbett dieses sterbenden Papstes mitnehmen sollten.

Aber warum rede ich so viel von ihm und nicht vom heutigen Feste? Wollt ihr es vielleicht dem Herzen ver­argen, daß es sich in diesem Augenblick über den Geist erhebt? Doch niemals: ich bin der Meinung, daß die Güte, von der uns Papst Johannes XXIII. ein so über­zeugendes und bewegendes Beispiel gab, uns helfen könnte, einen Aspekt des Pfingstfestes besser zu ver­stehen, einen Aspekt, den uns gerade diese Güte vor Au­gen stellt. Sie ist Zeugnis, fast eine letzte Bestätigung dessen, was damals geschah.

Damals geschah es, daß die Liebe — jene erste, lebendige Liebe, die Gott selber ist, die Liebe, die von Gott dem ewigen Vater, der sich selbst aussagt, und vom Sohn, dem ewigen Wort, Wesensbild des Vaters, in einem Akt unendlichen gegenseitigen Wohlgefallens ausströmt, die Liebe, die wir den Heiligen Geist nennen—in das Leben einiger Männer einbrach und sie verwan­delte und durch sie als neue, lebendige, übernatürliche Kraft in die Geschichte der Welt eintrat.

Diese Liebe schuf die neue Menschheit und verlieh ihr gleichzeitig die mystische Teilnahme am göttlichen Leben, den Zustand der Gnade, der nichts anderes ist als die neue Liebe Gottes zu uns und seine und unsere Liebe zusammen; sie schuf auch die Macht, die befähigt ist, diese Teilnahme am göttlichen Leben zu vermitteln und weiterzuleiten, ihr ein soziales Gefüge zu geben, sie verwalten; sie schuf mit einem Wort die Kirche, Hü­terin und Bewahrerin der Gnade.

Gewiß war dieses Geschehen Werk aller drei gött­lichen Personen, doch da es eine Tat der Liebe war, wurde und wird es besonders dem Heiligen Geiste zuge­schrieben. Der heilige Thomas sagt: „Amor quo dili­gimus Deum est repraesentativus Spiritus Sancti — die Liebe, durch die wir befähigt werden, Gott zu lieben, ist der Abglanz des Heiligen Geistes” (Summa contra gen­tiles, IV, 21). Was wir aber jetzt hervorheben wollen, ist, daß diese Ausgießung göttlichen Lebens eine Tat der Liebe war und der Kirche eine Seele gab. „Das, was die Seele für den Leib, ist der Heilige Geist für den Leib Christi, die Kirche”, sagt der heilige Augustinus; „der Heilige Geist wirkt in der ganzen Kirche das, was die Seele in allen Gliedern eines Leibes bewirkt” (Sermo 267, 4). So wurde die Liebe das belebende Element der christlichen Kultur.

Es ist leicht zu sehen, daß zwischen göttlicher Liebe und menschlicher Güte eine innere Verwandtschaft besteht; die großen Geschehnisse, die das Leben der Kirche ausmachen und es fördern, sind demnach Aus­wirkungen der göttlichen Liebe, die sich — in den menschlichen Bereich übertragen — als Güte offenbart.

Alles in der Kirche ist ein Werk der Liebe und der Güte: Liebe ist ihr Lehramt, ihr Wort, das den Glauben weckt und die übernatürliche Wiedergeburt einleitet; Liebe ist die Gnade, die uns durch die Sakramente ver­mittelt wird; Liebe ist die kirchliche Hierarchie, die diese göttlichen Gaben austeilt; ein Zeugnis der Liebe ist auch die Geschichte der Kirche, die nur von einer Kraft, dem Heiligen Geiste, beseelt und durchdrungen ist. — Dies alles bedeutet Pfingsten, jenes wunderbare Ereignis, das entscheidend und wirksam wie keines zuvor die Geschichte der Menschheit beeinflußte und heute noch andauert.

So können wir zu unserem Troste in der demütigen und großen Gestalt des Papstes Johannes XXIII. den besser als jeden anderen verständlichen und greifbaren Ausdruck jener Güte finden, die Merkmal und Wirkung der göttlichen Liebe ist, die die Kirchen beseelt. Im Grunde genommen, ist es zwar selbstverständlich, daß die höchste kirchliche Obrigkeit uns ein Beispiel der menschlichen Güte gibt, gehört es doch eigentlich zu ihrem Wesen, ganz Liebe, Dienst, Hingabe, Väterlichkeit, Vorsehung, Opfer, Güte zu sein; ein derartiges Zusammentreffen aber von Autorität und Güte, die sich auf dem höchsten Gipfel der katholischen Hierarchie in ihrer Strahlungskraft vereinen, ist uns ein sichtbares und tröstendes Zeugnis des Heiligen Geistes, der die Kirche Gottes heute und immer leitet und Christi Stellvertreter auf Erden stärkt und heiligt.

Gesegnet sei dieser Papst, der uns und der ganzen Welt das wahre Bild der väterlichen Güte vermittelte, der allen, die in der  Kirche ein leitendes Amt inne­haben, das Beispiel des „Guten Hirten” vorlebte; gesegnet sei dieser Papst, der uns gezeigt hat, daß Güte nicht Schwachheit und Nachgiebigkeit, nicht ver­schwommener Pazifismus, nicht Verzicht auf die großen Rechte der Wahrheit und die großen Pflichten der Autorität ist, sondern die Haupttugend dessen, der Christus in der Welt vertritt; gesegnet sei dieser Papst, der uns gezeigt hat, daß Autorität in der Kirche nicht Herrschsucht bedeutet, nicht Abstandhalten vom gläubigen Volke, nicht gewohnheitsmäßiges, rein äußer­liches Gehabe der Väterlichkeit und auch nicht das, was die Feinde der Kirche oder übelwollende, schlecht unterrichtete Laien ihr vorwerfen: nämlich ein rück­ständiges, den Fortschritt der Welt hemmendes Fest­halten am Dogma, sondern weise, segenbringende Vorsorge, ein von Christus eingesetztes, unverrück­bares Amt, das unsere Ehrfurcht und unsere Treue ver­dient, das nichts anderes ist, als demütiger, selbstloser, mühsamer und von Herzen kommender Dienst, den wir dort, wo er am echtesten und klarsten in Erscheinung tritt, mit dem großartigen Wort Güte bezeichnen kön­nen. Gesegnet sei dieser Papst, der uns eine Stunde väterlicher geistiger Vertrautheit verkosten ließ, der uns und der ganzen Welt gezeigt hat, daß die Mensch­heit nach nichts anderem so sehr verlangt, als nach Liebe.Gesegnet sei auch dieses wehmütig traurige Pfingst­fest, das uns noch im Todeskampf des Menschen Johannes XXIII. zeigt, wo die erste, die wahre Quelle der rettenden Liebe zu finden ist: in der Kirche Petri.

 

Bekanntgabe des Todes Johannes’ XXIII.

An den Klerus und die Gläubigen am 3. Juni 1963

 

An den Klerus und die Gläubigen der Erzdiözese Mailand

Die traurige Nachricht vom Hinscheiden Papst Johan­nes’ XXIII., die uns heute nach den Tagen des Bangens und des Sorgens, die dem heiligmäßigen schmerzvollen Sterben vorausgingen, erreichte, sollte in unseren Herzen ein Echo tiefster Ergriffenheit vorfinden, einer Ergriffen­heit, die uns zusteht als Kindern der katholischen Kirche, die den Verlust ihres inniggeliebten Hauptes betrauern, als Brüder aller Gläubigen auf Erden, die ein unvergleich­licher Vater und Lehrer als Waisen zurückgelassen hat, als Bürger einer Welt, die im verstorbenen Papste einen wahren Menschenfreund erkannt hatte und schließlich als Mailänder, für die der Verstorbene in alter herzlicher Verbundenheit immer eine gewisse Vorliebe gehegt hat.

Es ist der Papst des Konzils, der gestorben ist, der Papst der Sozialenzyklika „Mater et magistra”, der Enzyklika „Pacem in terris”, die die Grundlinien modernen geord­neten Zusammenlebens aufzeigt. Ein großer Papst mit einem einfachen und aufrichtigen Herzen, einem fried­liebenden, gütigen Wesen, ein Papst, dessen Platz in der Weltgeschichte einst durch einen hellen freundlichen Lichtpunkt gezeichnet sein wird.

Es wurde schon so viel über ihn gesagt und noch viel mehr wird gesagt werden; aber in dieser so bitteren und doch so lichtvollen Stunde müssen wir den einen Vor­satz fassen: immer wieder an die Gestalt und das Werk dieses Papstes zurückzudenken. Er war es, der die Kirche wieder zum tieferen Bewußtsein ihrer selbst und des Er­lösungswerkes geführt hat, das Christus selbst in ihr weiterführt. Er war es, der ungeheure Energien in ihr weckte, so daß sie nun uns, der heutigen und der kom­menden Zeit lebendig, jung und stark erscheint, bewußt der Anwesenheit Christi in ihr und des unerschöpflichen Reichtums an natürlichen und übernatürlichen Werten, deren Bewahrerin und Verwalterin sie ist.

Wir müssen dieses Pontifikat ansehen als ein großes Phänomen innerer katholischer Erneuerung und äußerer Fähigkeit zum Gespräch und zu gemeinsamem Heil.

Auch zum Gebete möchten wir euch auffordern: zum Gebet für den ewigen Frieden des verstorbenen Papstes, zum Gebet für die Kirche und die ganze Menschheit! Wir zweifeln nicht daran, daß ihr diese Kindespflicht mit Eifer erfüllen werdet, um dem Andenken des Heiligen Vaters die gebührende Ehre zu erweisen und um unserem Schmerz die einzig lindernde Tröstung zukommen zu lassen, jene, die aus dem Wissen um die Gemeinschaft der Heiligen in Christus und um das himmlische Ziel unseres Erdenlebens kommt und aus der christlichen Weisheit, die solch hohe und heilige Erinnerungen in kostbares Beispiel und in treuen und liebevollen Einsatz zu ver­wandeln weiß.

Indem wir euch zugleich die verschiedenen, diesem schmerzlichen Ereignis entsprechenden Verfügungen vorlegen, segnen wir, eurer Übereinstimmung mit unse­ren Gefühlen und Wünschen gewiß und einig in unserer Trauer, in unserer Hoffnung und in unseren Gebeten, euch von Herzen.

 

Ansprache beim Totenamt für Papst Johannes
im Mailänder Dom

Am 7. Juni 1963

Euch, Exzellenzen, meine Herren, liebe Mitbrüder und Gläubige, den Vertretern der politischen, zivilen und militärischen Behörden, den Vertretern der Gerichte und Universitäten und Euch allen möchte ich von Herzen für diese so zahlreiche, so spontane und so achtungsvolle Teilnahme danken. Wenn aber diese Stunde keine großen Worte erlaubt, so möge doch dieses so tröstliche und für mich und die Kirche des heiligen Ambrosius so ehren­volle Beisammensein Euch allen für diese Teilnahme an einer Trauerfeier, die Ihr als gemeinsame Trauer aller an­seht, reichliche geistliche Gaben und Segnungen bringen. Der Tod Papst Johannes’ XXIII. hat die Kirche so schwer getroffen und die Welt so sehr bewegt, daß tausend Stim­men ihn beschrieben, kommentiert und gewürdigt haben. Die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen haben uns die Teilnahme an diesem großen und schmerzlichen Er­eignis ermöglicht und es uns gleichsam zur Betrachtung und zum Nachdenken angeboten. Aus allen Teilen der Welt sind Kundgebungen des Bedauerns, des Lobes, der Teilnahme und des Gedenkens hörbar geworden. In der ganzen katholischen Kirche hat man einmütig in der ihn dem Volke, den Kleinen und besonders den Kranken nahegebracht haben, aber auch über seine großen Unter­nehmungen, die Enzykliken und die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das alles kennen wir und werden es nicht vergessen. Aber die Stunde religiöser Sammlung, zu der wir hier zusammengekommen sind, weist darauf hin, daß trotz­dem noch vieles über diesen Papst zu sagen und zu bedenken ist, der nach unserem menschlichen Empfinden zu früh aus dieser Welt abberufen worden ist. Es wären z. B. die Gründe so herzlicher und allgemeiner Teil­nahme zu untersuchen und zu erklären, mit der er zu Grabe geleitet wurde. Warum trauert man überall über seinen Tod? Und wie erklärt sich diese, wenigstens in diesem Maße und in dieser Form in der bisherigen Ge­schichte nicht wahrgenommene menschliche Einmütig­keit? Ich frage, welche Gründe gibt es dafür?

Ein jeder von uns hat die Anziehungskraft dieses Men­schen gekannt und hat begriffen, daß die Sympathie, die man ihm entgegenbrachte, auf keiner Täuschung beruhte und keiner nur oberflächlichen und modebedingten Be­geisterung entsprang, sondern daß es ein offenkundiges Geheimnis war, das uns in seinen Bann zog. Es war wohl ein weiteres, sehr einfaches Doppelwort, das seine magi­sche Kraft auf unsere bewundernden und getrösteten Augen ausstrahlte: die Verbindung von Wahrheit und Liebe. Er hat uns eine in der Praxis so selten und so schwer zu verwirklichende elementare Lehre vorgelebt, die der heilige Paulus mit den Worten ausdrückt: „In der Wahrheit stehend aus der Liebe leben” (Eph. 4, 15). Er hat uns gezeigt, daß die Wahrheit, allem voran die religiöse Wahrheit, die so empfindlich und so schwierig ist wegen ihrer unumgänglichen Forderungen in bezug auf Formulierung, Verständnis und Glaubensgehalt, nicht dazu da ist, die Menschen zu entzweien und unter ihnen Polemiken und Gegensätze zu entfesseln, sondern sie der geistigen Einheit näherzubringen, ihnen in ihren pastoralen Anliegen zu dienen und den Menschen die Freude an der Verwirklichung der Brüderlichkeit und der Suche nach dem göttlichen Leben ins Herz zu senken. Wohl wußten wir das bereits, aber an ihm haben wir es konkret erfahren. Er bat die Hoffnung dafür in uns geweckt und ihre Erfüllung versprochen.

Sein Erbe

Folgen wir der Spur dieser Gedanken, die unseren Schmerz verdoppeln — denn sein Kommen und Gehen glich nur dem schnellen Aufleuchten eines Blitzes —, so­gleich aber unaussprechlichen Trost aus dem Grunde unseres Herzens aufsteigen lassen; folgen wir also dieser Spur, wie ich sagte, so öffnet sich unseren Augen ein an­derer Horizont, der von der lauteren Gestalt des Papstes Johannes erhellt wird. Wir schauen nicht mehr zurück, blicken nicht mehr auf ihn, sondern auf den Horizont, den er dem weiteren Weg der Kirche und der Geschichte eröffnet hat. Wollten wir aber noch einmal unseren Blick auf das nun schon verschlossene Grab richten, so könnten wir vom Erbe sprechen, das das Grab nicht umschließen kann, von dem Geist, den er der Zeit eingehaucht hat und den der Tod nicht ersticken kann. Und wir bräuchten dann nicht mehr von seinem vergangenen Leben zu handeln, sondern müßten die Zukunft deuten, die er eingeleitet hat. Was hinterläßt Johannes XXIII. der Kirche und der Welt, das nicht mit ihm vergehen kann?

Wegweiser

Das Prophezeien ist eine schwierige Kunst. Aber in diesem Augenblick erscheint diese Kunst uns erleichtert und für uns wegen der Klarheit einiger Voraussetzungen, die der Papst, über dessen Tod wir trauern, geschaffen hat, geradezu verpflichtend. Johannes XXIII. hat unserem Weg einige Richtlinien vorgezeichnet, an die man klugerweise nicht nur denken, sondern denen man folgen soll. Oder könnten wir vielleicht den lebendigen Beweis von der Tiefe und wirklichen Fähigkeit der christlichen Religion, die moderne Welt mit immer neuem Geist zu erfüllen, den er durch die überragende Menschlichkeit und Spontaneität seines heiligmäßigen Lebens uns bis zu einem gewissen Grade leibhaftig vor Augen geführt hat, vergessen? Laßt mich wenigstens einen Abschnitt von ihm selbst zitieren:

„In der modernen Zeit, in einer Welt mit tief ver­änderten Gesichtszügen, die Mühe hat, sich gegenüber den Verführungen und Gefahren des fast ausschließlichen Strebens nach materiellen Gütern zu behaupten, an­gesichts des Vergessens und der Schwächung der geisti­gen und übernatürlichen Ordnung, die die Durch­dringung und Ausbreitung der christlichen Kultur durch die Jahrhunderte auszeichnete — in der modernen Zeit also handelt es sich um mehr als um diesen oder jenen Punkt der Glaubenslehre oder der Kirchenordnung, die es wieder von den klaren Quellen der Offenbarung und der Tradition herzuleiten gilt, es geht vielmehr darum, die Substanz des menschlichen und christlichen Lebens, deren Treuhänderin und Lehrmeisterin die Kirche ist, in ihrer ganzen Leuchtkraft neu zur Geltung zu bringen.”

Unsterbliche Worte

„Anderseits ist es sicher eine schwere Pflicht, die Irrwege des menschlichen Geistes zu beklagen, der zum bloßen Genuß der Güter dieser Erde angeleitet und getrieben wird, die moderne wissenschaftliche Forschung dem Menschen von heute leicht zugänglich macht. Gott be­hüte uns aber davor, die Proportionen zu sehr zu über­treiben und uns glauben zu machen, Gottes Himmel habe sich nun endgültig über unsern Häuptern geschlossen, es sei nun wahrhaftig die Finsternis über die ganze Erde hereingebrochen und es bliebe für uns nichts anderes mehr zu tun, als unseren qualvollen Wanderweg mit Tränen zu begießen. Im Gegenteil, wir müssen neuen Mut fassen!” (Ansprache an die Mitglieder und Kon­sultoren der Vorbereitenden Konzilskommissionen, 14. Nov. 1960).

Das sind lebendige Worte, Worte, die der Tod nicht auslöschen kann.

Und könnten wir uns von dem Weg entfernen, den er mit solcher Eindringlichkeit der künftigen Geschichte der Religion eröffnet hat; den Weg eines besseren Ver­ständnisses der Universalität des katholischen Glaubens? Den Weg des römischen Ökumenismus? Papst Johannes hat die Universalität, dieses Wesensmerkmal der katho­lischen Kirche, in einer Weise verkörpert und sichtbar gemacht, daß er dadurch verborgene Kräfte in der Kirche selbst geweckt hat, die sich in doppelter Richtung, nach innen und außen, entfalten. Und zwar nicht nur, weil er den bereits angelaufenen Prozeß der sogenannten Inter­nationalisierung der Kirche, sei es durch Ausbreitung der Mission, sei es durch Verdichtung der Beziehungen mit den alten und jungen Nationen der Welt oder durch Zu­lassung von Personen jeglicher Herkunft zu den oberen Rängen der Hierarchie und zu den Zentralorganen des Heiligen Stuhls, gutgeheißen und gefördert hat, sondern weil er durch die spontane Einberufung des Ökumeni­schen Konzils die Erforschung des großen Themas der Grundprinzipien der Kirchenverfassung, dessen lehr­mäßige Behandlung durch das vorzeitige Ende des Ersten Vatikanischen Konzils unterbrochen worden ist, wieder­aufgenommen und so die geistigen und praktischen Vor­aussetzungen geschaffen hat für eine harmonische Zu­sammenarbeit des Bischofskollegiums — nicht zwar in der Ausübung (die sicher persönlich und einheitlich bleiben wird), wohl aber in der Verantwortung für die Leitung der Gesamtkirche. Er hat also dem inneren Ökumenismus der katholischen Christenheit die Mög­lichkeit kanonischer Entfaltung und das geistige Klima gegeben, indem er auch hierfür sich zweier Ausdrücke bediente, die seit Jahrhunderten zusammengehören: Urbs et Orbis. So gesehen, entbinden die beiden Wirklich­keiten erstaunliche Kräfte und zeigen eine neue geschichtliche Entwicklung für Rom und vielleicht für das Papsttum selbst und für die Welt an.

Mit dem inneren Ökumenismus verband Johan­nes XXIII. im Herzen und in der Tat den Ökumenismus nach außen, d. h. einerseits den Versuch der Wieder­zusammenführung so vieler getrennter christlicher Ge­meinschaften in der organischen Einheit des Glaubens und der Liebe der Mutterkirche: der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, anderseits das Bemühen um eine möglichst weite und beständige Festigung des Friedens zwischen den Völkern und den gesellschaftlichen Klassen, des Friedens zwischen den Bürgern auf der ganzen Welt.

Können wir diesen Weg, der von Papst Johannes auch für die Zukunft so meisterhaft vorgezeichnet wurde, ver­lassen? Ich glaube nicht! Und es wird die Treue zu den großen Grundlinien seines Pontifikates sein, die sein Ge­dächtnis und seine Ehre lebendig erhalten wird. Auf diese Weise wird er uns auch in der Zukunft väterlich nahe bleiben.



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